Der Hausflur ist dem Deutschen sein Königreich

Nur wenige Dinge sind dem guten deutschen Spießbürger heiliger als sein Hausflur. Stets klinisch sauber sollte er sein und regelmäßig gepflegt werden muss er. Pedantisch wird darauf geachtet, ob auch alle Mieter des Hauses ihrer Reiningungspflicht nachkommen. Drückeberger werden unverzüglich an den hausinternen Pranger gestellt und von der Mitmieterschaft entsprechend geächtet.

So verwundert auch der Brauch des Versteckens von fremden Fußmatten nur wenig. Schließlich müssen nach dem Putzen des Hausflurs die anderen Mieter ja davon in Kenntnis gesetzt werden, dass die Reinigung des kollektiven Heiligtums nun stattgefunden hat. Gleichzeitig kann die auf der nächsten Treppe liegende Fußmatte als Ermahnung an die anderen Mieter verstanden werden, ihrer Pflicht gefälligst ebenso nachzukommen wie man selbst und so gleichzeitig ein Vorbild für die Jugend, die restliche Gesellschaft und sogar die ganze Welt zu sein.

Man könnte die Fußmatten nach dem Trocknen des Bodens auch zurücklegen und sich darauf verlassen, dass die anderen Bewohner den geänderten Sauberkeitszustand des Hausflurs auch bemerken ohne vorher ihre Fußmatte von der Treppe geangelt zu haben. Nur leider klappt das nicht, denn der Hausflur wird ja so oft geputzt, dass es keinen Unterschied zwischen voher und nachher gibt. Denn ein guter deutscher Hausflur ist schließlich so sauber, dass man sein Mittagessen direkt vom Treppenabsatz des Nachbarn essen kann. Natürlich will das niemand, aber das ist unerheblich.

Um Hausflure und ihre Sauberkeit sind schon schlimme Auseinandersetzungen geführt worden, die besten Nachbarschaftsbeziehungen sind daran zerbrochen, Gerichte haben Verhandlungen geführt und Urteile gesprochen. Wenn man sonst keine Probleme hat, macht man sie sich halt selber.

Was wären die Deutschen nur ohne ihren Hausflur? Unzählige gelangweilte Mieter hätten nichts mehr zu kontrollieren und müssten sich schlimmstenfalls sogar mit ihren Familien und Freunden auseinandersetzen oder gar Hobbys suchen. Eine volkswirtschaftliche Katastrophe.

So, ich gehe jetzt endlich mal wieder den Hausflur putzen. Oder vielleicht hebe ich auch einfach nur die Fußmatten hoch und lege sie woanders hin. Mal schauen.

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